Arbeitsreiche Tage

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Nach dem Rennen am 29. Februar in Marrakesch war auch für die Formula E Corona-bedingt vorerst Feierabend. Immerhin hatte man bis dahin schon fünf Saisonrennen bestritten und suchte während der weltweiten motorsportlichen Betriebsruhe ebenfalls nach Möglichkeiten, die Saison fortzusetzen bzw. zu beenden. Mit dem ADAC Berlin-Brandenburg als sportlichem Ausrichter der Rennen auf dem stillgelegten Flughafen in Berlin-Tempelhof wurde man sich schließlich einig und setzte dort gleich sechs Rennen inklusive Training in nur neun Tagen auf sogar drei unterschiedlichen Streckenvarianten an.

In der Zwischenzeit gab es auf dem Fahrermarkt ein paar Rochaden. Um die Fans bei Laune zu halten, griff auch die Formel E das Konzept der alternativen Rennen per Computerspielen auf. Beim fünften virtuellen Formel-E-Rennen der „Race at Home Challenge“ ließ Daniel Abt am 24. Mai einen Profi-Sim-Racer für sich fahren und bekam zwei Tage später die Quittung in Form des sofortigen Rauswurfs aus dem Team Audi Sport ABT Schaeffler. Da halfen auch seine nachträglichen Beteuerungen nichts, dass er den „Spaß“, seinen Spaß, hätte hinterher zur Belustigung aller offenbaren wollen. Wie dem auch sei, hatte er gleich beiden Szenen einen Bärendienst erwiesen, denn andere Formel-E-Piloten haben zur Unterhaltung der Fans echt ins Lenkrad gegriffen und sich Mühe gegeben. Welcher Fan hätte denn danach überhaupt noch ein Sim-Rennen seiner Helden angeschaut?

Aber der Allgäuer hatte eine Menge Glück. Nachdem Audi den zweifachen und gleichzeitig amtierenden DTM-Champion René Rast als dessen Nachfolger präsentierte, bekam Daniel Abt kurzfristig das Angebot, beim Saisonfinale in Berlin das Cockpit des Chinesen Qing Hua Ma im NIO 333FE Team zu übernehmen, welches er natürlich annahm. Dabei halfen ihm sicherlich die noch geltenden Reiserestriktionen im Zuge der weltweiten Corona-Pandemie. Pikanterweise bestritt René Rast 2016 an der Seite von Qing Hua Ma im Team Aguri bereits das Formel-E-Rennen in Berlin als Ersatzfahrer für den verhinderten Antonio Felix da Costa. Auch Pascal Wehrlein schied, allerdings freiwilig, bei Mahindra Racing aus. Medienberichten zu Folge soll er bei Porsche den Schweizer Neel Jani ersetzen. Eine weitere Personalie betrifft schon die nächste Saison. Dann wird der Brite Sam Bird von Envision Virgin Racing ins Team Panasonic Jaguar Racing wechseln. Bird ist der einzige Fahrer, der in allen bisherigen Formel-E-Saisons mindestens einen Laufsieg feiern konnte. Allerdings kann Lucas di Grassi noch nachziehen, denn, wie gesagt, stehen in der Saison noch die sechs Rennen in Berlin an.

Dazu erklärt uns Janko Garbsch, Abteilungsleiter Motorsport, Klassik & Ortsclubs beim ADAC Berlin-Brandenburg: „Das ist jetzt schon mit einem wahnsinnig ausgeprägten Hygiene-Konzept eine große Herausforderung. Dazu kommt, dass wir am ersten August-Wochenende auf dem Lausitzring als sportlicher Ausrichter des ersten Rennens der ADAC GT Masters in diesem Jahr fungieren und mit dem Abwinken des letzten Rennens am Sonntagabend direkt nach Tempelhof fahren und dort ab Dienstag die sechs Formel-E-Rennen in nur neun Tagen abwickeln werden. Die Formel E hat weltweit versucht, Events zu kreieren, doch das einzige was funktionieren wird, ist halt Berlin.“ Doch auch das ist mehr als aufwendig. Zum Beispiel finden vier der sechs Rennen in der Woche statt, wofür ehrenamtliche Sportwarte aus dem ganzen Bundesgebiet, vom Sachsenring, vom Lausitzring und dem Nürburgring, sowie aus Großbritannien, Frankreich und Belgien rekrutiert werden mussten. Hinzu kommt die organisatorische und logistische Herausforderung der ständigen Corona-Tests, der erste schon vorm ersten Veranstaltungstag. Dazu noch einmal Janko Garbsch: „Zusammen mit der FIA und dem DMSB haben wir Möglichkeiten gefunden, den personellen Aufwand weitestgehend zu reduzieren und damit Kontaktpunkte zu reduzieren. Wir haben unsere Orga-Crew und die Streckensicherung auf ein Mindestmaß verschlankt.“

Hatte man in den letzten Jahren rund 5.000 Personen arbeitendes Volk, dürfen dieses Jahr nur 1.000 Leute aufs Gelände. Der ADAC BBR reduzierte seine Mitarbeiter und Helfer für den sportlichen Teil von 200 auf 130 Personen, was nicht ohne Weiteres möglich ist, denn ein Mindestmaß an Sicherheit muss gewährleistet sein. Zudem setzt man extrem auf Digitalisierung. So wird es so gut wie kein Papier, sondern nur virtuelle Aushänge geben. Briefings, Fahrerbesprechungen, Ergebnisse und so weiter gibt es von Schnittstelle zu Schnittstelle alles auf elektronischem Weg. Auf dem Gelände selbst gibt es unterschiedliche Arbeitsbereiche, die strikt voneinander getrennt sein werden. Dort gilt auch die Maskenpflicht. Alle im Einsatz befindlichen Mitarbeiter und Helfer dürfen nur zwischen Rennstrecke und Hotel pendeln und sollen auch in ihrer ohnehin knappen Freizeit Kontakte zur Öffentlichkeit vermeiden.

Während der ADAC Berlin-Brandenburg mit dem Auftakt des ADAC GT Masters und vor allem der Formel E ein Mammutprogramm zu stemmen hat, verlief das Jahr bisher unbefriedigend ruhig, was aufgrund der Pandemie-Maßnahmen auch in naher Zukunft der Fall sein wird. Dazu gewährt Janko Garbsch folgende Einblicke: „Unser Jahr war ja von der Fülle und den Abständen der Veranstaltungen, wie DTM, IDM, ADAC GT Masters und unser Motorbootrennen, untereinander extrem gut geplant. Leider mussten auch wir dann eine Veranstaltung nach der anderen absagen. Vor al- lem die Absage unseres traditionellen Motorbootrennens in Berlin-Grünau ist uns extrem schwer gefallen. Natürlich sind auch seitens unserer Ortsclubs alle Veranstaltungen zum Stillstand gekommen, aber so langsam sind Trainings und auch Wettbewerbe wieder möglich. Allerdings reden wir da nur von regionalen Motocross-, Kartslalom- und Slalom-Veranstaltungen. Zudem sind wir mit dem Ortsclub Private Renngemeinschaft Spandau noch in Planung der Havellandrallye im Oktober. Aber dahinter steht natürlich auch noch ein Fragezeichen. Die Corona-Zeit haben wir genutzt, unser Motorsportportal www.motorsport-bbr.de neu aufzusetzen. Es ist jetzt mit vielen neuen hilfreichen Funktionen für die Ortsclubs und Veranstaltungsverwaltung ausgerüstet.“

Quelle: Top-Speed 08/2020

Foto: ADAC BBR